5. Juni 2019

Wie ist das Leben mit Kind? – 15, 18, 21 Monate. Das Ende des großen Schreiens

Der vielleicht größte Meilenstein in unserem Leben mit Kind wurde erreicht: das Ende der Untröstlichkeit. Was dann folgte, blieb den Quartalssprüngen treu und wurde von da an nicht nur leichter, sondern auch so viel schöner. Drum verdient diese Zeit ihr Update. Willkommen! Heute wird es emotional.

Keine klassische bezahlte Werbung, wohl aber Namensnennungen /Empfehlungen

15 Monate. Diese Zeit wird mir für immer als Schallmauer im Gedächtnis bleiben. Dahinter lag wirklich ein neues Leben. Eines, in das wir endlich ankommen konnten und schauen konnte, wer wir wirklich sein wollten.

Aber ich möchte hier nicht nur über das Schreien schreiben, auch wenn das wirklich der gigantischste Meilenstein überhaupt war, den wir bis dahin erreicht hatten, der, der unser Leben von Grund auf veränderte, hin zu etwas, was immer noch oft sehr herausfordernd ist, aber was nicht mehr allabendlich am Rande des Wahnsinns stattfindet. Ich habe das in den anderen Vierteljahrupdates nicht SO deutlich geschrieben, weil es auch einfach nicht schön ist, soetwas über das eigene Kind öffentlich ins Netz zu stellen. Und weil wir schon oft dachten: Jetzt, jetzt wird es besser! Ach nee… doch nicht. Also ja, jede Entwicklung machte einiges leichter. Die Zeit war immer für uns. „Denn sie werden so schnell groß…“ Oh ja! Bitte! Werde groß! Und somit kam das , was wir um am sehnlichsten gewünscht haben, das Ende des Schreiens, eben erst mit 15 Monaten. Nicht nach 3 Monaten („Dreimonatskoliken“) und auch nicht mit Beginn der Mobilität und auch nicht mit Beginn des Sprechens. Es kam innerhalb einer Woche, praktisch über Nacht. Und innerhalb weiterer drei Wochen verschwand nicht nur die Untröstlichkeit aus dem Schreien abends, es passierte sogar, dass manchmal gar nicht geschrien wurde und dass unsere Einschlafroutinen von 3-4h auf 2h und sogar manchmal auf 30-60min schrumpfte.

Wir hatten nichts anders gemacht. Wir waren da. Haltend, tröstend, tragend, singend, reizabschirmend… was immer Linderung verschaffte. Und mit einem Mal schien unsere Botschaft angekommen zu sein: „Wir sind da. Immer. Die Welt ist sicher. Bei uns bist du sicher.“ Und allmählich wurde es ruhiger. Das Trösten wurde nun auch so möglich, wie wir uns das immer vorgestellt hatten (und was bei uns so gut wie nie funktioniert hatte): ruhig und langsam, wiegend und kuschelig. Das über Stunden ist auch noch anstrengend, aber kein Vergleich zu stundenlangem Stechschritt oder Hopserlauf, Ausfallschritten oder Kniebeugen, lauthals singend, um unsere Tochter in ihrer Energie überhaupt erreichen zu können. Langsam und ruhig haben wir immer wieder versucht, aber es war, als wäre das für sie blanker Hohn gewesen, das wir etwas so Seichtes versuchten, wo sie doch so außer sich war. Ruhiges Trösten hat sie dann noch mehr aufgebracht, drum wurde gerannt und geschmettert, statt gewiegt und gesummt.

November 2018

Und wir haben aufgeatmet. Nicht nur das Schreien verschwand, auch war es nun zum ersten Mal möglich, das jemand anderes als ich trösten konnte. Auch Benedict war vorher immer nur sehr kurz phasenweise oder glückstrefferweise akzeptiert worden. Nun war er in Ordnung, das Vertrauen war da. Endlich. Und auch die Tagesmutter konnte nun trösten, auch das war vorher nicht im Bereich der Möglichkeiten gewesen, sodass ich bei einem Weinnotfall sofort hineilen musste (die Tagesmutter wohnt glücklicherweise auch in unserer Straße, sonst wäre das gar nicht gegangen und ich hätte mich nicht kurz entfernen können).

4 Monate Eingewöhnung. Ich war unglaublich erschöpft und hatte mich gerade um ein Coaching bei Kathrin Borghoff bei der Familienschule Dortmund bemüht, weil die Not mittlerweile wirklich groß war und ich im klassisch medizinischen Sektor bis dahin eher Blödsinn erlebt hatte rund um „Sie sollte im eigenen Zimmer schlafen.“ oder im besten Fall Anteilnahme „Sehen Sie es positiv: Sie ist so stark, dass sie es sich leisten kann so lange, so laut zu schreien, die meisten Babys knipsen sich dann vor Erschöpfung aus.“ Kathrins Schwerpunkte als Entspannungspädagogin und Hochsenisibilitätscoach passten einfach perfekt zu uns. Und ich konnte den Termin bei  ihr sogar wahrnehmen (das war nämlich lange fraglich, wie ich das überhaupt umsetzen sollte, so ganz praktisch), denn ein weiterer Sprung kam dazu: Merle hat sich von mir entfernt. Allein spielen gab es bei uns bis dahin nur sekundenweise und wenn nicht am Körper, dann doch auf Armeslänge Abstand, mindestens aber bitte im selben Zimmer und gaaanz ganz selten im Nebenzimmer, aber mit Blickkontakt. Ich erinnere mich nicht daran. Ich weiß nur, dass das so, zwei, dreimal passiert ist. Ausnahme: Wenn andere Kinder da waren, dann konnte ich auch mal aus dem Raum gehen. Der große Bonus der Tagesmutter! Und die Geburt des Spruches: „Das Beste, was Merle passieren kann, ist ein Geschwisterchen. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist ein Geschwisterchen!“ Bitte als Galgenhumor zu verstehen und nicht ernst gemeint. Da spielt so viel anderes mit rein, wenn es um so eine Entscheidung geht. Das Kind ist nie!!! Schuld, ob es Geschwister gibt oder nicht. Das ist nicht sein Verantwortungsbereich.

Woran ich mich erinnere, ist der Spaziergang, auf dem ich das Handy gezückt habe und gefilmt habe, wie sie losläuft. Ganz selbstverständlich, einfach nach vorn, weg von mir. 2 Meter. 3 Meter. 5. 10. Und ich es nicht fassen konnte. Es geschah einfach. Sie war so weit. Die Zeit war reif. Sie war gelöst und frei und ich gleich mit.

Verstehen und verstanden werden

Merle hat schon vor ihrem ersten Geburtstag erste Worte gesprochen und vor allem eindeutige wortähnliche Tonfolgen verwendet. Rund um 15 Monate hatte sich aber schon ein recht großer Wortschatz etabliert und ich denke, das hat ihr Sicherheit gegeben, weil dieser neue Kommunikationskanal nun schon so weit geöffnet war. Vor allem der passive Wortschatz war so groß, dass ich glaube, dass sie auch deshalb tröstbar wurde. Sie hat verstanden, was wir da zu ihr gesagt haben. Zumindest hat sie mehr davon verstanden. Ein Gespür für Zeit (gleich, erst, dann…) war auch erkennbar.

Hirnreife

Dennoch glaube ich, dass es vor allem an einem Hirnreifeprozess gelegen hat, dass dieses Verständnis und die neue Sicherheit entstehen konnte. Der 14. und 15. Lebensmonat VOR der abgeschlossenen Entwicklung waren gelinde gesagt schrecklich. Ich erinnere diese Zeit als eine der schlimmsten (und unsere Schübe waren immer maximal lang und maximal intensiv). Da muss in Merles Kopf wirklich wahnsinnig viel passiert sein, was sie nicht einordnen konnte, was sie erst mal noch mehr Nähe und Rückhalt hat suchen lassen. Und dann… hat es Klick gemacht. Ich wiederhole: Es war einfach ihre Zeit.

Erholung und Heilung

Seit dem arbeite ich intensiv am Aufarbeiten unserer ersten 15 Monate. Ich habe schon in den 15 Monaten viel getan, um mental, emotional und körperlich so stark wie möglich sein und bleiben zu können (Stichwort Meditation und entsprechende Lektüren), aber ich war im November wirklich bodenlos erschöpft. Es war auch für mich höchste Zeit. Für uns alle. Es hat sich wahnsinnig gelohnt. Wir sind enorm gewachsen und ich kann nun auf die Zeit zurück blicken als eine Zeit des Umbruchs, der so groß war, weil das folgende Wachstum einen völlig anderen Boden gebraucht hat. Es sind Narben geblieben und es gibt offene Wunden, die ich noch ansehen muss, um zu verstehen, weshalb sie so wehtun und sich schwieriger schließen lassen, als andere. Vor allem aber sind wir alle stärker geworden. Als Familie. Der Prozess der Heilung dauert an, aber das Wichtigste kam sehr rasch im Frühjahr 2019, als ich sehen konnte, wie viel Gutes wir aus dem Schrecken hatten ziehen können. Es ist Licht.

18 Monate

Und damit sind wir beim nächsten Quartalsupdate. Merle ist auch weiterhin den 3-Monats-Sprüngen im zweiten Lebensjahr treu geblieben, im Gegensatz zum ersten Lebensjahr, das fast ein Dauerschub war mit nur 1-2 Wochen mal zwischendurch zum Luftholen. Mit 18 Monaten, Anfang 2019 hat die Sprachentwicklung einen enormen Satz gemacht und der Mittagsschlaf war jetzt so spät am Vormittag erreicht, dass man wirklich von Mittag sprechen konnte. Das, Merles Neugier und das Einfühlungsvermögen der Tagesmutter hat dazu beigetragen, dass sie auch Mittags bei der Tagesmutter geschlafen hat. Komplikationslos. Vom ersten Versuch an. Sie fand es spannend, dass die anderen Kinder in ihren Betten lagen, durfte ihr Bettchen ein paar Tage schon mal ausprobieren, wir waren dabei, wenn es schon dunkel war und die Tagesmutter gesungen hat und sind dann gegangen, um Merle daheim schlafen zu lassen. Und dann, dann ist sie dort geblieben. Und seit dem schläft sie dort mittags. Mit einem Schnuller, denn den haben da alle Kinder und sie wollte dann auch einen. Wobei sie ihn meistens nur in der Hand hält, statt zu benuckeln.

Mit diesem geplatzten Knoten, mit dem Mehr an Zeit für mich, war es uns dann endlich möglich wirklich aufzuarbeiten und zu erholen. Selbst die Halde an aufgeschobenem Papierkram trug sich allmählich ab. Nach dem langen Tag bei der Tagesmutter war Merle nachmittags nun wieder sehr anhänglich, sodass ich in der Zeit ohne sie, die Zeit mit ihr vorbereitet habe, denn Haushalt war dann so gut wie gar nicht mehr drin (wenn dann nur einarmig). Aber es wurde immer entspannter. Benedict und ich haben beide noch mal ein paar Tiefs gehabt, die deutlich in die Kategorie von „jetzt darf ich es mir erlauben k.o. zu sein“ fallen, so, wie viele Leute am Wochenende erst mal Kopfschmerzen bekommen, weil der Wochenstress abfällt. Aber die Aufwärtstendenz blieb bestehen. Allmählich haben wir alle wieder Energie tanken können, die große Erschöpfung war vorbei.

21 Monate

Die ersten Ausläufer dieses Entwicklungsschrittes waren schon mit 20 Monaten spürbar, ganz durchgekommen ist er aber jetzt erst mit 21 Monaten. Die Selbstbeschäftigung liegt nun nicht mehr im einstelligen Minutenbereich und darunter, sondern es gibt immer wieder Phasen, in denen wir hier konzentriertes Spielen beobachten können. Draußen fing es an mit Umgebungserkundung, Sandkasten und Gießen und ist jetzt auch drinnen spürbar. Hier waren die ersten längeren Spiele am Waschbecken mit laufendem Wasser und beim Ausräumen von Kisten und Schubladen. Das hat sie vorher auch alles schon gemacht, aber nie so ausdauernd. Treffen wir uns nun mit ihren Kinderfreunden, können wir Mamas uns tatsächlich unterhalten, statt nur bruchstückhafte Informationsfetzen auszutauschen, währenddessen die Kinder spielen. Noch nicht viel miteinander, aber gern nebeneinander. Das Miteinander wird aber immer mehr und ist traumschön zu beobachten, vor allem bei einer kleinen Freundin, die Merle wohl besonders in ihr Herz geschlossen hat.

Jetzt, da ich den Artikel veröffentliche, ist Merle 21 Monate und eine Woche alt. Die gesamte Tagesstruktur hat sich grundlegend verändert. Natürlich ist sie immer dabei und natürlich spreche ich sie zwischendurch an bzw. sie mich. Aber ich kann mich waschen und anziehen, während sie sich derweil mit ihrer Kleidung und ihrem Waschlappen beschäftigt. Zum Beispiel. Ich kann den Rasen mähen, während sie im Sandkasten spielt oder mit der Harke hinter mir her läuft. Ich kann Sachen zusammen suchen, die mitgenommen werden müssen und sie klettert schon mal in den Buggy und wartet dort, während sie kommentiert, was ich tue und was sie gleich tun wird. Die Zeit des einarmigen Allestuns ist nahezu vorbei. Mein zwischenduch ziemlich steifes linkes Handgelenk erholt bereits. Es ist so, so schön! Ich kann gar nicht sagen wie schön. Wir sind so eng nach wie vor, aber nicht mehr wie verwachsen, sondern nun wie an einem unsichtbaren, elastischen Band. Hach!

Zu dieser Entwicklung gehört ebenfalls, dass sich die Einschlafroutine noch mal deutlich verändert hat. Ich gehe zuerst mit Merle ins Bett, wir lesen, stillen und singen und meistens möchte sie dann noch mal auf die Toilette. Ab dann übernimmt der Papa und erzählt leise Geschichten oder singt. Bei ihm schläft sie dann ein, bei mir kommt sie immer wieder in die Schleife aus „noch mal lesen, noch mal singen, noch mal Milch, noch mal Pipi.“ Mit 20 Monaten fand sie das noch nicht so grandios, dass Papa dann übernommen hat (will heißen es wurde sich eine Minuten lang wirklich heftig beschwert. Hat sie länger geschrien, haben wir abgebrochen und ich bin dazu gekommen. Allein und ungetröstet war sie nie!), jetzt mit 21 Monaten, lege ich sie wieder in ihren Schlafsack, gebe ihr ein Küsschen und wünsche eine gute Nacht und sage, dass ich später wieder neben ihr liege, wenn wir alle schlafen. Dann kann ich gehen und Papas Gutenachtzeit fängt an.

EIN TRAUM!

Und jetzt?

Vor uns liegt nun also der nächste Meilenstein, der des zweiten Geburtstags. Und ich bin gespannt, was da noch kommt. Klopf auf Holz, bisher hat sich ein Unkenruf nicht bewahrheitet, nämlich dass wir bei unserer bisherigen Historie uns auch schon mal auf heftigste Gefühlsausbrüche in der Autonomiephase einstellen dürfen. Trotzen ist hier bisher wirklich absolut moderat. Es ist schön mit Kleinkind, anstrengend genug, aber nicht mehr am Rande des Totalausfalls. Die Babyzeit vermisse ich nicht. Sie hatte wunderschöne Momente und enorm lehrrreiche Lektionen für uns alle, aber ich bin vor allem froh, dass ich die teils verzweifelte Erschöpfung gegen nur noch regelmäßig genervte Müdigkeit eingetauscht habe. Und das mit dem Genervtsein flacht auch weiter ab.

Damit schließe ich meine 3-Monats-Updates hier. Der 15-Monats-Meilenstein war der würdigste und wichtigste Abschluss. Ich hoffe auch, dass dieser Artikel Mut machen konnte, für alle, die mit Schreibaby nicht mehr wissen, wie sie durch den Tag kommen sollen, und sich kaum vorstellen können, dass das jemals aufhören wird. Wird es. Wann, das weiß keiner so genau. Denn wie gesagt gibt es dazu wenig zu finden jenseits von Durchhalteparolen und Horrorstorys. Aber es gibt sehr viel mehr dazu zu sagen. Diese Kinder sind intensiv. Ich wünsche auch niemandem, dass er oder sie diesen Weg gehen muss, um das zu lernen, was wir gelernt haben. Es ist irre schmerzhaft und ich glaube fest daran, dass Menschen auch aus Liebe und nicht nur aus Schmerz lernen und wachsen können. Aber diese Kinder sind genau richtig, so wie sie sind. Sie haben ihr eigenes Geschenk für die Welt. Sie verdienen genauso bedingungslose Liebe, wie der unkomplizierte Sonnenschein, den man „einfach überall hin mitnehmen kann.“

„Diese Kinder“ brauchen keine Kategorie, aber die Eltern brauchen sie oft, um sich daran etwas abzustützen. Je mehr das Annehmen und Akzeptieren verinnerlicht ist, desto mehr lösen sich die Schubladen und Labels auf und was bleibt ist das Kind, wie es ist. Als Individuum. Genauso besonders und genauso nicht besonders wie alle anderen Menschen auch. Es ist. Und es ist gut so.

So wie wir auch gute Eltern waren, aber mitnichten perfekt. Aber darum geht es nicht. Nicht darum, wer perfekter ist, wer mehr gelitten hat oder mehr gelacht. Wir sind genau richtig, so wie wir sind, manche von uns teilen einfach mehr Schnittmengen als andere und können die Verbundenheit dadurch mehr fühlen, auch wenn wir letztlich alle eins sind. Wir alle wollen geliebt werden, besonders dann, wenn wir unperfekt erscheinen. Wir alle sind geliebt. Und ich wünsche mir, dass alle das spüren können. Und sei es nur jetzt gerade am Ende dieses Artikels. Denn das ist ein Anfang.

***

Wenn du selbst ein Schreibaby hast und diesen Artikel liest und dich fragst, ob ich hier wahlweise nicht mehr alle Latten am Zaun habe, zu behaupten, dass dieses Schreien das Potential für Wachstum hat oder du dir einfach nur denkst: „Gut. Schön. Scheiße. 15 Monate sind noch so weit weg oder sind schon so weit weg… Wie überlebe ich jetzt noch weiter?“ Hohl. Dir. Hilfe. Das ist das Verantwortungsbewussteste, was du tun kannst. Ich weiß, wie schwer das sein kann. Arbeitszeiten oder Verfügbarkeit von Freunden oder bezahlten Helfern passen meist nicht zu den Not-am-Elternteil-Zeiten mit einem solchen Baby (ich hätte gern jemanden zwischen 20 und 24 Uhr hier gehabt und dann noch mal jemanden morgens zwischen 7 und 9).

Gib nicht auf. Weder Familienhebamme, Hebamme, Kinderärztin, Osteopathin, Babysitterin oder Schreiambulanz konnten uns entlasten (manche haben auch groben Unsinn verzapft). Aber trotz anfänglicher Differenzen war es bei uns zum Beispiel die Oma, die dann doch sehr viel helfen konnte und nun auch ganz anders auf die Situation blickt als zu Anfang („Das kann doch nicht sein!“ zu „Es hat sich so gelohnt! Das war genau das, was sie gebraucht hat.“). Vielleicht ist es bei dir eine Freundin, ein Nachbar, ein Kollege. Eine Haushaltshilfe oder der Krankenschein des Partners, der den Notanker bietet, den du brauchst. Eine andere Mama. Eine Online-Mama-Freundin.

Gib nicht auf. Die Zeit ist für dich. Es kommt der Tag, da blickst du auf die Zeit zurück. Du gibst dein Bestes. Und wenn dein Bestes gerade nicht zu reichen scheint, dann war es trotzdem dein Bestes und verdient deine Anerkennung. Ich schicke dir ganz viel Liebe, eine Umarmung von Herzen und ganz viel Kraft.

Was würde die Liebe tun?

Sie würde dein Kind weiter trösten. Und sie würde dich dabei mit in die Arme nehmen und auch dich trösten und dich anerkennen. Euch beide. Euch drei. Eure ganze Familie.

Einatmen. Ausatmen.

Einatmen. Warten bis der Körper ausatmen will. Und ausatmen. Und weiter.

Ich wiederhole: Wir sind genau richtig, so wie wir sind. Und wir alle wollen geliebt werden, besonders dann, wenn wir unperfekt erscheinen. Wir alle sind geliebt. Und ich wünsche mir, dass alle das spüren können. Und sei es nur jetzt gerade am Ende dieses Artikels. Denn das ist ein Anfang.

Bis bald und alles Liebe,
deine Heike

14 Kommentare

  1. Liebe Heike,

    vielen, vielen Dank für den Bericht und fürs Teilen! Das ist grade sehr heilsam für mich. Nicht, weil ich selbst ein Schreibaby hätte, sondern weil ich selbst eins war. Deine Perspektive hilft mir, vieles besser zu verstehen.
    Ich bin auch froh, daß Du weiterhin auf dem Blog schreibst. Auf Instagram kann ich seit einiger Zeit nicht mehr mitlesen, nur noch die Fotos sehen (ich hab selber keinen Account und weiß auch grad nicht, ob ich einen möchte),

    Ganz liebe Grüße,
    Jessica

    1. Liebe Jessica,
      oh das mit Insta ist natürlich blöd… da weiß ich auch grad keinen Rat.
      Für mich sehr interessent ist, dass du von dir weißt, dass du selbst ein Schreibaby warst. Ich kenne sonst niemanden, der das von sich weiß. Um so mehr freut es mich, dass mein Artikel heilsam für dich ist, denn das ist denke ich sehr wichtig. Nach meinen Recherchen weiß ich, dass eine der größten Stolpersteine“ für Eltern von Schreibabys /Highneed Kindern / gefühösstarken Kindern darin liegt, dass die Kinder es in ihre Identität einbauen (durch das, was die Eltern kommunizieren), dass sie anstrengend waren, zur Last gefallen sind, dass sie „zu viel“ waren. Viele laufen mit solchen Sätzem im Kof herum wie: „Also wenn deine große Schwester schon so gewesen wäre wie du, dann wäre sie Einzelkind geblieben.“ Oder auch „Noch so eins wie dich hätte uns in den Wahnsinn getrieben.“ Das sind sehr schreckliche Aussagen und sie sind nicht wahr. Sie spiegeln einen Teil der SITUATION wieder, aber nicht der Identität des Kindes. Das Kind ist nie verantwortlich dafür, dass seine Eltern sich für oder gegen ein weiteres Kind entscheiden, dafür zu arbeiten oder oder nicht. Für die Eltern ist das Kind und die Energie, die für es aufgewendet wird natürlich sehr präsent und deshlab liegt es nahe da eine Kausalität draus zu machen. Es korreliert aber lediglich. Ja, Eltern von Schreikindern haben im Schnitt erst später ein weiteres Kind und haben im Schnitt auch weniger Kinder in der Familie als wenn man ein easy Baby bekommen hat. Das ist aber erst mal sehr verantwortungsbewusst da die eigenen Grenzen anzuerkennen. Verantwortung ist etwas ganz anderes als Schuld. Das Kind hat keine Schuld, die Eltern ahben auch keine Schuld. Es ist nicht am Kind Verantwortung zu übernehmen für die Entscheidungen der Eltern, sondern es ist an den Eltern diese Verantwortung zu tragen.
      Ich möchte, dass Merle weiß, das sie genau richtig ist, so wie sie ist. Ich möchte, das sie weiß, dass ich meine beruflichen Träume auf Eis gelegt habe, nicht, weil sie Schuld daran gewesen wäre, dass ich nicht weoter arbeiten konnte, sondern weil ich für mich entschieden habe, dass mir ihr Wohlergehen, ihr Vertrauen ein höherer Wert ist, als diese Träume. Dass ich Selbstverwirklivhung aufschieben und verlangsamen kann, ich aber sie sehe, so wie sie just in dem Moment ist. Und ich möchte ihr auch vorleben und mitgeben, wie wichtig es ist auf die eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu achten. Dass es vorkommt, dass man mal nicht mehr kann. Dass Hilfe holen okay ist. DAs Dinge nicht tun okay ist.
      Ich hoffe, dass mir das gelingt.
      Alles Liebe, Heike

  2. Dein Text berührt mich ganz tief im inneren meines Herzens. Ich habe beim lesen einige Tränen vergossen. Ich kann jeden Satz nachfühlen und finde dich so unfassbar groß und stark und obwohl wir uns nicht kennen, fühle ich mich mit dir verbunden. Unsere Maus ist zwar „erst“ sieben Monate alt aber ich freue mich über jeden Tag den sie älter wird und einen Schritt weiter in Richtung Eigenständigkeit macht. Niemals hätte ich es für möglich gehalten dass es uns so fordern würde Eltern zu sein. Ich könnte ein Buch darüber schreiben. Es gab Zeiten, da wollte ich alles hinschmeißen und auswandern, Zeiten da wollte ich mich einweisen lassen. Und es gab Menschen die null Verständnis dafür hatten – leider darunter auch Fachleute. Und dann gab es Menschen, die haben immer ein offenes Ohr gehabt und die schlimmsten Krisen mit uns durchgestanden. Daraus sind so schöne intensive neue Beziehungen entstanden.
    Während ich deine Zeilen lese und diese hier schreibe, liege ich auch eng umschlungen mit meinem Baby. Einfach weil sie es braucht. Und ich es kann.
    Danke für deinen wundervollen Text, deine Offenheit und die ehrlichen Worte!!
    Liebe Grüße

    1. Liebe Anja,
      ach ja… auswandern oder einweisen lassen… ich kenne das Gefühl sehr gut und ab und zu war ich doch erschüttert darüber, wie ernst ich diese Gedanken tatsächlich genommen habe, weil es einfach so erschöpfend war. Da wurde beinahe jede Fluchtmöglichkeit in Erwägung gezogen. Das mit dem Verständnis ist so schwierig gerade in diesem Bereich – und doch wäre es so wichtig. Besonders weil wir alle unsere eigenen Kindheiten mit uns schleppen und das meiste davon unterbewusst liegt, gobt es bei der Thematik richtig große Verständigungs- und damit auch Verständnishürden. Was da jemand sendet kann ganz anders beim Gegenüber ankommen. Da gibt es große blinde Flecken und mindestens genauso große Schutzmauern und dabei vor allem unsichtbare. Ich habe selbst an einigen Beziehungen deutlich gemerkt, wie es geknirscht hat und wie die Rechtfertigung hochkam und teils habe auch ich mich immer und immer wieder gerechtfertigt, weil auch mir Verständnis fehlte. „Das Kind in dir muss Heimat finden“ hab ich hier ja letztens rezensiert, das fand ich sehr augenöffnend dazu. Seit dem kann ich wesentlich friedlicher auf Menschen blicken, die uns mit Unverständnis begegnen und ich habe auch für mich nicht mehr den Anspruch sofort alles verstehen zu müssen.
      Alles Liebe für dich und deine Tochter! Erkenne dich an für das, was du leistest. Es ist viel und es ist groß und es ist für sie und dich so wertvoll!
      Heike

  3. Liebe Heike,
    obwohl ich erst 18 und von dem Thema eigenes Kind ganz weit weg bin, lese ich alle deine Blogbeiträge sehr gerne. Gerade die zum Thema Merle. Einfach weil du mit so viel Liebe schreibst, dass ich feuchte Augen kriege. Danke für deine ehrlichen Worte.

    Ganz Liebe Grüße und ich wünsche dir weiterhin viel Kraft da wo du sie brauchst!

    1. Vielen lieben Dank! Das ist immer ein bganz besonderes Kompliment, wenn ich höre, dass ich sogar Menschen erreiche, die thematisch eigentlich ganz woanders sind. Es freut mich sehr, dass dir meine Artikel so viel geben! Alles Liebe, Heike

  4. Liebe Heike,

    nachdem ich längere Zeit nur sporadisch bei dir reingeschaut habe (und es dann irgendwie mit der Zeit immer schwerer wurde, plötzlich wieder so ansatzlos reinzuplatzen) , muss ich dir jetzt doch einen kleinen Kommentar da lassen.
    Ich bin wirklich froh zu lesen, dass es langsam bei euch besser läuft. Zeitweilig habe ich mir gedacht, meine Güte, ich würde dir jetzt gerne was Hilfreiches schreiben – aber ich konnte aus meiner Lebenswirklichkeit (die so ganz anders geworden ist als deine) einfach so gar nichts beitragen, ohne dass es sich platt oder pseudoschlau angehört hätte. Im Nachhinein tut mir das wirklich leid.
    Es ist also schön zu sehen, dass es deiner kleinen Familie gut geht und ihr euren Weg findet.
    Wünsche euch weiterhin alles Gute!!!

    Ganz liebe Grüße
    Leia

    1. Ach wie schön von dir zu lesen! Ich glaube, ich weiß, was du meinst. So ging es vielen und geht es glaube ich immer noch. Es war auch einfach eine Ausnahmesituation, die schwer greifbar ist ohne selbst drin zu stecken. Dir muss also nichts Leid tun. 🙂
      Aber ich freue mich wie gesagt sehr, dich hier zu lesen.
      Alles Liebe! Heike

  5. Liebe Heike,

    der Antwortbutton will grade nicht funktionieren, dann antworte ich eben hier unten mit einem neuen Kommentar.

    Das Wissen (daß ich ein Schreibaby war) liegt wohl daran, daß ich ständig zu hören bekam bzgl. des Schreiens: „Du hast mich keine Nacht schlafen lassen“. „Du hast zwei Jahre lang jede Nacht geschrien“….
    Auf meinen Wunsch nach Geschwistern hieß es, daß ich keine Geschwister habe und bekommen werde, weil ich alleine schon viel zuviel war usw.

    Und ja, das sitzt tief – trotz Reflektieren und meine Themen betrachten und Gewahrsein und allem – dieses „zuviel, zu anstrengend, zu empfindlich, zu dies und zu das….“

    Für mich ist es so heilsam zu lesen, wie Du damit umgehst.
    Daß es eben doch eine andere Art gibt, das Kind wahrzunehmen und die gesamte Situation.
    Es ist mir bewußt, daß das für meine Mutter eine sehr zermürbende Zeit war.
    Aber es tut gut zu spüren und indirekt auch mitzuerleben, daß es dazu auch andere Perspektiven gibt, Verantwortung übernehmen ohne Schuldzuweisung.
    Mich entlastet das. Mir wird erst so richtig bewußt, was vorher hauptsächlich im Unbewußten gewirkt hat: ich hab mich so schuldig gefühlt!
    Und das brauche ich nicht.

    Daß ich OK bin, so wie ich bin, das ist noch nicht ganz tief innen angekommen, aber ich bin auf dem Weg dahin.
    Bei Dir mitzulesen ist einer der Puzzlesteine, die mir dabei helfen, mein Bild abzurunden.

    Und ja, ich glaube fest daran, daß Dir das gelingt, was Du Merle vermitteln möchtest.
    Es leuchtet aus dem, was Du schreibst, es wird also auch aus dem leuchten, wie Du für Merle spürbar und erfahrbar bist.

    Alles Liebe von Jessica

    1. Ooooh jetzt hab ich Tränen in den Augen! ich danke dir!
      Schuld ist ein ganz schweres, dunkles Gefühl. Ich wünsche dir von Herzen, dassdu damit deinen Frieden machen kannst. Was die Geschwisterfrage angeht, finde ich das auch echt schwer. Ich wünsche mir für Merle ein Geschwisterkind, aber wir Eltern für uns, wir trauen uns das nicht zu. Wichtig in der Kommunikation jetzt und später (und dabei vor allem auch an uns selbst!) ist, dass wir erknnen, dass das aber eher an der Situation insgesamt liegt, ob wir uns das zutrauen oder nicht und nicht an Merle. Menschen neigen dazu das verantwortlich zu machen, was als letztes dazu kam (das Kind). Aber dass auch vorher schon die Distanz zu den Großeltern groß war, auch vorher schon der Job so viel kraft gekostet hat, das geht dann etwas unter. Ich kann und will nicht an meinem Kind schrauben. Also bereite ich eine Umgebung vor, die es uns wahlweise möglich macht, leichter und glücklicher mit ihr als Einzelkind zu leben oder eben auch den Sprung zu wagen, ein zweites Kind in unser Leben einzuladen. Der Weg ist derselbe, somit gibt es nur Gewinner.
      Alles Liebe, Heike

  6. Liebe Heike

    Ich weiß nicht so ganz was ich schreiben soll. Ich habe lange überlegt, mir auch die Blogbeiträge von 2017 und 2018 noch einmal zu Gemüte geführt, desöfteren… und auch viele der Kommentare. Und war ehrlich gesagt in den vergangenen Monaten etwas verwirrt. Nun habe ich auch einige der Stellen in den Blogbeiträgen entdeckt die Du editiert hast und damit bin ich etwas weniger verwirrt.
    Zuerst wollte ich lieber nicht schreiben. Nun ist ausschlaggebend der Doppelinstagrambeitrag von gestern.

    Ich kann nur sagen es tut mir leid. Ich hatte zwar Verständnis für Teilaspekte die mir klar waren, habe es einfach nicht verstanden, wie die Gesamtsituation denn nun wirklich ist. Die Andeutungen waren für mich wohl zu subtil, das Abschwächen von „Herausforderungen“ und „den Fokus auf das Gute legen“ hat mich überzeugt und ich habe dich beim Wort genommen wenn du geschrieben hast „Merle ist KEIN Schreibaby“, „Merle ist KEIN High-Need-Baby, aber manchmal ziemlich nah dran“. Ich dachte nach all deinen gründlichen Recherchen und dem Austausch ist das wohl so beim Wort zu nehmen…
    Das soll nun keineswegs als Vorwurf oder Kritik gemeint sein, du hast genau immer das geschrieben was du zum entsprechenden Zeitpunkt für richtig gehalten hast und das ist auch gut so gewesen, aber gewisse Aspekte die vielleicht sehr wichtig für mein Verständnis gewesen wären kamen eben erst später bei mir an.
    Einige der Kommentare, sowohl von mir als auch von anderen Lesern, die eigentlich freundlich, motivierend, bestärkend, unterstützend, bewundernd und empathisch gemeint waren sind im Nachhinein wohl mehr als unzureichend gewesen und müssen Dir an manchen Tagen mehr wie hohle Phrasen oder gar blanker Hohn vorgekommen sein. Und das tut mir einfach leid.
    Ich dachte immer unsere Töchter ähneln sich in vielen Punkten sehr, aber bestimmte Erfahrungen die wir gemacht haben könnten unterschiedlicher nicht sein. Und obwohl beide Mädchen klasse sind und genauso wie sie sein sollen: das ist ungerecht und das darf man auch ruhig mal so sagen. Um ein Beispiel zu meiner Entschuldigung zu nennen: Ich hatte ja keine Ahnung von der Art des Schreiens. Natürlich kennen wir auch Abende an denen stundenlang gequengelt, geweint, geschriehen und ins Bett gebracht wurde, aber es ist einfach etwas völlig anderes ob ein Kind für mich noch erreichbar ist. Ein Kind das knatschig ist aber immer wieder beruhigt werden kann nur um einige Minuten später aus einem anderen Grund loszubrüllen ist nun einmal etwas ganz anderes als ein Kind das in einer Brüll-Wein-Schreiblase gefangen ist die man einfach beim besten Willen nicht durchdringen kann. Ich denke jedes Kind kann einmal in solch einer Schreiblase eingeschlossen sein. Das passiert eben. Es ist höllisch wie sehr man sich in dieser Zeit hilflos und unzureichend fühlt. Ich bin sehr dankbar dass wir das zum Glück nur selten erleben mussten und wie sehr das unsere Kräfte geschont hat. Dass ihr das offenbar fast täglich erlebt und so bravourös gemeistert habt, in maximaler Lautstärke und Hochtonquietschlage lag jenseits meiner Vorstellung obwohl ich schon mehrere Schreikinder in unmittelbarem Kontakt kenne, und dafür kann man Euch nur bewundern und Euch allen Dreien zu Eurer Stärke gratulieren.

    Ich bin froh dass Euer Abend dann gestern noch um 21:35 Uhr zu Ende ging, ihr noch ein bisschen Feierabend hattet und du auch noch so viel positive Unterstützung auf deine Posts hin erfahren hast. Ihr habt mir so leid getan. Ich muss gestehen wir hatten gestern einen längeren aber im Gegensatz zu Euch richtig schönen Abend, wir haben gestern die Einschlafbegleitung abgebrochen, sind um 20:30 Uhr noch einmal zusammen ins kühle Wasser gegangen und um 21:40 Uhr habe ich der 27 Monate alten Maus noch eine Suppe gekocht. Friedlich eingeschlafen ist sie dann um 22:30 Uhr. Ich bin froh dass wir nun an einem Punkt sind an dem wir so klar kommunizieren können (8-Wort-Sätze, boah geht das schnell, da seid ihr ja bestimmt auch bals, so wie ich Merles Tempo kenne) dass aus Frust immer häufiger go-with-the-flow wird. Ich weiß dass uns auch wieder Horrorabende erwarten. Natürlich frage ich manchmal ob es ein Fehler von mir ist… ob ich mit solchen Aktionen die feine Grenze zwischen bedürfnisorientiert und laissez-faire überschreite und damit einen großen Schaden anrichte … oder ob es eben einfach dem Bedürfnisprofil meiner Tochter entspricht. Oder ob ich einfach nur gestern dieses verdammt unfaire Glück hatte das dieses ganze Elternsein so ungerecht macht und meine Tochter einfach eine easypeasy-Phase hatte die Merle leider nicht vergönnt war…

    Tut mir leid das ist jetzt wieder alles viel zu umfangreich geworden und ich hoffe ich rühre damit nicht auf unangenehme Weise in der Wunde.
    So oder so, es ist einfach ungerecht manchmal, aber ich bin froh und dankbar dass du es trotzdem teilst. Auch wenn ich es nicht gleich in vollem Ausmaß kapiere, die Liebe, Wertschätzung und Hingabe ist bei Euch immer zu spüren und es ist einfach inspirierend. Ihr seid toll. Ich wünsche Euch das Beste. Liebe Grüße

    1. Ja, die Sache mit der Wahrnehmung. Da ist schon viel Wahres drin. Ich kannte kein Schreibaby vor Merle. Also dachte ich, das sei eben normal, dass sie so schreit. Und so weiter… Wir hatten vorgestern wieder so einen Rückschritttag, danach bin ich auch immer noch den Folgetag wie verkatert. Aber es ist, wie es ist. Ich arbeite an meinen Triggern, Benedict und ich sind ein Team und Merle reift jeden Tag. Sie macht das ganz wunderbar. Und wir auch. Ganz toll ist, dass sie z.B. jetzt auch schon versteht, wenn ich mich entschuldige und neu einordne, wenn ich mich mal nicht mehr unter Kontrolle habe und sie angeranzt habe. Dann sage ich sowas wie „Das tut mir Leid. Das war zu laut und nicht nett. Ich bin sehr angestrengt, da passiert mir das mal. Komm, wir atmen mal durch. Dann kommt Mama wieder runter und wir versuchen es noch ma.“ „Jo!“ sagt sie dann und nickt. Und atmet mit durch. Das ist so genial, dass ich ihr eben sowas wie bewusstes Atmen und den Positivfokus jetzt beibringen kann. Im Vorleben. Dadurch kann ich auch nachsichtiger mit mir selbst sein, wenn ich an die Decke gehe. Weil sie sieht: Ja, das kommt vor. Ja, das ist nicht schön. Aber es gibt Möglichkeiten das zu unterbrechen und zu shiften. Und zwar bessere Möglichkeiten als Zwang und Kontaktabbruch. Da wachsen wir gemeinsam.
      Alles alles Liebe, Heike

  7. Liebe Heike

    Dein Instagrampost von gestern hat mich sehr berührt und ich muss ganz ehrlich sagen: ich fand ihn bisher einen der besten, ehrlichsten und sympathischsten überhaupt. Da hast Du etwas ganz kostbares geteilt.

    Natürlich kann Dir eigentlich niemand irgendwelche schlauen Ratschläge geben. Keiner kann die Situation eines anderen wirklich einschätzen ehe er nicht in seinen Schuhen gesteckt hat… und dann auch nur mit Annäherung. Also alles was ich schreibe unter dem Vorbehalt eines möglichen Eindruckfehlers und dass ich vielleicht nicht den vollen Umfang verstehe.

    Was Du leistest ist großartig. Für Merle ist deine Großartigkeit Normalzustand, sie kennt es nicht anders. Ich hatte beim Lesen den Eindruck Du denkst, dass ein Nachlassen oder nur eine kurze Abschwächung deiner Großartigkeit bei Merle ein schreckliches Leid oder gar einen bleibenden Schaden verursacht. So denke ich das jedoch nicht. Das was Du ihr in den letzten 2 Jahren gegeben hast, dieses unglaublich kostbare Geschenk kann ihr keiner mehr so leicht wegnehmen: das Urvertrauen und die Selbstwirksamkeitserfahrung, die Sicherheit und das Selbstbewusstsein dass sie immer bekommt was sie braucht oder zu brauchen glaubt wenn sie es nur vehement und ausdauernd einfordert. Du kannst es ihr nicht mehr so ohne weiteres wegnehmen… es ist tief in ihr verankert.

    Die meisten der Werke die Du gelesen hast habe ich auch gelesen und eine der wichtigsten Botschaften die ich aus dem „gewünschtesten Wunschkind“ mitgenommen habe ist folgende: es ist nicht meine Aufgabe Wut-Trotz-Heul oder Schreianfälle zu vermeiden indem ich Grenzerfahrungen meines Kindes umgehe! Natürlich ist es angenehmer das zu tun, aber das ist nicht die Arena in der Entwicklung stattfindet. Der Sinn der Trotzphase ist es dass das Kind Frustrationstoleranz entwickelt. Dafür braucht es Frustration und viel Unterstützung dabei. Nun, im Kleingedruckten steht leider dass sich in dieser Zeit vor allem die Frustrationstoleranz der Eltern weiterentwickelt ;-). Einen Schreianfall liebevoll zu begleiten und zu trösten ist anspruchsvoller als ihn zu vermeiden. Ich habe das allerdings so verstanden, dass Kinder diese Frustrationserfahrungen brauchen und dass ich diese Trigger nicht meiden sollte. Und das hat mich fertig gemacht. Und frustriert. Auch DAS noch! Ist es nicht schon anstrengend genug wenn mal zu Abwechslung alles glatt läuft?!?

    Nun steckst Du wenn ich das richtig verstehe in einer extremen Zwickmühle: Merles Grenzerfahrung und Frustrationsquelle ist momentan noch genau das was Du zum Trösten und Unterstützen gibst: Nähe. Wie kann man Nähe entwöhnen und dabei gleichzeitig mit Nähe unterstützen?

    Was würde jedoch passieren wenn Du plötzlich krank oder verletzt bist und für ein paar Tage ins Krankenhaus musst, womöglich isoliert, dass sie dich nicht besuchen kann? Was würde passieren wenn Du für ein paar Stunden weg bist weil Du in einem defekten Fahrstuhl oder im Stau steckst? Dann muss es auch ohne Dich gehen, es muss einfach und es würde. Merle würde fallen, aber sie würde weich fallen in Benedicts Arme. Und es würde die Erfahrung folgen dass es geht. Und dass Mama wiederkommt. Wir mussten diese Erfahrung machen… wir haben gezockt… wir mussten einfach… und haben gewonnen und unsere Tochter hat uns so sehr überrascht. Zu einer Zeit als ich nicht einmal ins Nebenzimmer gehen durfte ohne Protest fand sie es entgegen aller Erwartungen völlig ok einige tage lang mit Papa und z.T. auch Oma und Tante allein zu sein. Aber: Papa musste mehr dafür leisten. Die Dauerbespaßung durch ihn durfte keine Sekunde abreißen und das fehlende Einfach-Dasein der Mama zu kompensieren. Er war so erschöpft! Aber dabei so glücklich und stolz.
    Das ist nun lange her, wir hatten viele Rückschritte, Tage in denen ich nicht ins Nebenzimmer gehen durfte, in denen ich sie stundenlang nicht absetzen durfte.
    Ein roter Faden zog sich immer durch: aus den Augen aus dem Sinn! Wenn ich das Haus verlassen hatte und sie wusste dass ich nicht zu Hause bin war das völlig ok. Wenn ich zu Hause war aber mich dort zurückziehen wollte (z.B. Schlafen nach Nachtdienst) dann ging es nicht.

    Renz-Polster mag recht haben, das Temperament eines Kindes wird sich nicht ändern, soll es auch nicht. Aber die Grenzen werden weiter. Schritt für Schritt. Früh genug kommt der Tag an dem Merle sagen wird: „Mama, geh weg.“ War bei uns soweit als mein Mädchen ca 25 Monate alt war und alleine kacka machen wollte, sie hat sogar die Tür hinter sich zugemacht und ich durfte für 15 Minuten nicht ins Zimmer kommen. Auch Phasen in denen sie nicht angefasst werden wollte aber dabei völlig entspannt war kamen rasch hinzu… und damit auch beginnend das Verständnis für meine Allein-Sachen.

    Du kennst Dich und deine Tochter am besten: Wenn einer das Gefühl dafür hat wie man am besten schonend und gefühlvoll ihre Grenzen ausreizen kann, dann Du. Mach so weiter. Sei weiterhin mutig. Sei weiterhin selbstbewusst, so wie Merle. Fordere sie heraus. Ziehe dich zurück. Und komme wieder um zu trösten und zu versichern. Immer wieder. Hab Geduld. Stecke die Rückschläge die unweigerlich immer wieder kommen ein. Vertrau auf eines: auch Merle ist hochsensibel! Sie wird früh genug entdecken was für eine Wohltat es manchmal ist allein zu sein oder nicht angefasst zu werden. Und sie wird es mit der Leidenschaft einfordern die Du von ihr gewöhnt bist. Und damit wird auch mehr Verständnis für Dich kommen. Und das wird höchstwahrscheinlich nicht erst mit der Einschulung passieren sondern vielleicht sogar noch in den nächsten paar Wochen…

    Also dein Vorschlag Wellnesshotel? Wieso nicht? Du kannst die Dauer des Aufenthaltes und die Entfernung bestimmen… und jederzeit abbrechen. Wage es. Tu es für Euch. Denn auch Dein Temperament wird sich nicht ändern: Erstmal offenen Auges den Akku bis zum letzten Rest ausleeren und mehr Energie herzugeben als Du für dich selbst noch übrig hast aber dann zu regenerieren wie der Phönix aus der Asche. Wirklich bewundernswert.

    Rock on.

    1. Liebe Carina,
      jetzt ist der Blog wieder da und ich habe sogar Emailzeit. Drum erst jetzt mein Antwort.
      Ja, ja, und ja! Ich könnte genau so alles unterschreiben, was du sagst.
      Besonder hervorheben mag ich:
      Ja, sie ist auch eine HSP. das bedeutet jetzt noch, dass wir als Eltern wahnsinnig viel unseres Rückzugbedürfnisses aufgeben müssen, damit ihres nach Nähe erfüllt werden kann, aber es ist eine aufs gemeinsame Leben gesehen kurzfristige Investition (im Moment aber durchaus lang), behalten wir doch im Kopf, dass sie sich höchstwahrscheinlich auch zu jemandem entwicklen wird, der diesen Rückzug ebenfalls braucht. Das wird uns als Familie wieder sehr harmonisieren. Glaube ich. 😉
      Aus den Augen aus dem Sinn:
      Absolut. Wenn ich weggehen kann, also weg, weg, dann läuft das. Keine Frage. Wenn ich aber auch zu Hause bin, im Nebenraum o.ä, dann gibt es noch oft keine Ruhe, bis ich da bin. Wobei sich das gerade entspannt (25. Lebensmonat). Das mit dem Schaden zufügen oder nicht, das finde ich ist sehr diffizil. Ich merke deutlich den Unterscheid zwischen Verzweiflung, die dringend Begleitung braucht und bei der sie sehr empfindlich und lange nachwirkend reagiert, wenn ich dann mal meine Wut doch ventiliere im Vergleich zu „normalem Wüten“ der Autonimiephase oder einfach Übermüdungsvertonung. Wir hatten einfach sehr lange die Phasen der Verzweiflung und die sind absolut nicht aufzufangen, wenn wir da nicht 100% geben. Das ist dann eher so, dass wir uns damit selbst ein Bein stellen, weil es dann nach einem Ausrutscher noch länger mit dem Runterpegeln dauert und es wie gesagt nachwirkt. Deshalb bin ich bei dem üblichen Satz von „Kinder sind robust“ eher vorsichtig. ja, das sind sie. Aber nicht in allen Situationen. und das finde ich sehr wichtig auch im Blick zu behalten, gerade weil es auch teil der erwachsenen Hochsensibilität ist, der ja oft genug die Aussage begegnet: Das ist ja jetzt wirklich nicht so schlimm, du übertreibst, das kann doch nicht so ein Weltuntergang sein. Doch. Kann es. Leid ist immer subjektiv. Aber wie gesagt merkt man da den Unterscheid sehr deutlich zwischen „da müssen wir jetzt alle irgendwie durch, schön ist das nicht, aber ist jetzt so“ und „Alarm! Sämtlicher Fokus und Energie auf die Stressregulation!“

      Rock on! Oh ja. Sowas von!
      Seit ein paar Tagen habe ich hier wieder ein neues Kind. Wie üblich nach einem echt ekligen Schub vorher. Aber yay. Wieder ein Level geschafft.
      Liebe Grüße, Heike

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