11. August 2014

Rezension – Michael Pollan: Lebensmittel

Ihr erinnert euch an meine Rezension der beiden Strunz-Bücher über Vitamine und Mineralien? Mein Fazit war: empfehlenswert (vor allem das Buch über Vitamine). Das sind sie auch immer noch.
ABER.
Nach der Lektüre von „Lebensmittel“ von Michael Pollan muss ich ein ziemlich großes ABER nachschieben.
Pollan beschreibt sein Buch selbst als „das Manifest eines Essers“ und als eine Streitschirft gegen den „Nutrionismus“.
Nutrio-was?
Nutrionismus beschreibt die aktuell so oft verbreitetet Methode Lebensmittel in ihre Einzelteile, ihre Nährstoffe im Mikro- wie im Makrobereich zu zerlegen. Futter A hat besonders viel Eisen, Futter B ist reich an Vitamin C. Futter C ist low-carb. Das ist Nutrionismus.
Und Pollan macht ein Buch lang deutlich, dass das seiner Ansicht nach vermutlich eine der dümmsten Ideen in der Geschichte der modernern Ernährung überhaupt war, Lebensmittel so zu kategorisieren.

„Essen Sie Lebensmittel, nicht zu viel und vorwiegend Pflanzen.“

Das ist es, worauf es bei Pollan hinaus läuft. Es ist sein erster Satz und er selbst schiebt direkt nach: Damit ist eigentlich alles gesagt. Ich sage:

„Essen Sie Lebensmittel, nicht zu viel,  abwechslungsreich und vorwiegend Pflanzen.“

Aber eigentlich meint er das auch.
Pollan erklärt detailliert belegt (1/3 des Buches sind nur Quellenangaben), warum die moderne Wissenschaft, die Ernährungswissenschaft, die Nahrungsmittelindustrie, die Werbung und – das wird er nicht müde auch immer wieder zu erwähnen – der Journalismus, also die Medien, erstens irren, wenn sie Lebensmittel so auf ihre Nährstoffe reduzieren und zweitens, warum sie es dennoch tun, denn: es bringt Profit. Was auch sonst…

Zwei Kernaussagen möchte ich euch zusammenfassen, zwei Aspekte, bei denen es bei mir wieder große Aha-Effekte gab (dafür liebe ich meine Sachbuchlektüre). Für mehr empfehle ich dann das Eigenstudium des Buches.

Muttermilch und Folgemilch.
An Muttermilch lässt sich wunderbar zeigen, wie wenig wir über Lebensmittel wissen. Seit Ewigkeiten wird versucht Muttermilch nachzuempfinden – aus verständlichen Gründen. Immer wieder werden Milchersatz und Folgemilchprodukte verbessert. Jetzt haben wir Vitamine zugesetzt, JETZT haben wir das Rezept. Hm, nein, Babys gedeihen mit Muttermilch trotzdem besser. Jetzt haben wir auf die Fettsäuren geachtet, JETZT müsste es aber… nein, immer noch geht es Babys, die gestillt werden besser. Jetzt haben wir noch… nein immer noch nicht. Immer wieder wird dem Verbraucher suggeriert, dass die Forschung (die Industrie) nun herausgefunden hätte, was tatsächlich ALLES in Muttermilch enthalten ist, um ein adäquates Ersatzprodukt zu schaffen. Aber nach wie vor: Babys, die gestillt werden, profitieren gegenüber ihren Flaschenkinderfreunden.
Das dient nicht dazu Müttern, die ihren Babys die Flasche geben (müssen) ein schlechtes Gewissen zu machen! Das ist ein sehr persönlicher, ja intimer Lebensbereich, in dem mehr entschieden wird als nur die Frage nach dem Nährstoffgehalt. Folgemilch bzw. Ersatzmilch heute ist wesentlich besser als früher. Aber dennoch ist es ein Beispiel, an dem sich ziemlich genau zeigt, dass wir die Natur nicht nachempfinden können. Vielleicht jetzt noch nicht, vielleicht nie und vielleicht oder sogar wahrscheinlich ist das eigentlich auch gut so.

Mangelerkrankungen
Mineralstoffmangel, Vitaminmangel… grad in Langhaarkreisen ist das Thema ja bekannt. Diese Mangelzustände sind messbar und real. Sie lassen sich medizinisch auch durch Gabe des entsprechenden Mikronährstoffes beheben. Das ist etwas, da bin ich ganz bei Strunz. ABER. Genauso wenig, wie eine abgemagerte Person einfach nur einen Kalorienmangel hat, genauso wenig hat jemand mit leerem Eisenspeicher einen Eisenmangel. Der unterernährten Person mangelt es an Lebensmitteln mit entsprechender Energiedichte. Entweder isst sie das Falsche oder zu wenig. Oder beides. Und es ist ein ganz leichter Gedankenschritt zu verstehen, dass es dieser Person wohl an noch mehr mangelt, als nur an Brennstoff aka Kalorien.
Die Person, die einen Eisenmangel hat, ermangelt also wohl auch nicht nur Eisen. Der Eisenspiegel ist messbar, durch Eisengabe lassen sich viele Symptome (oft auch alle, die man vordergründig bemerkt) beseitigen, aber einfach nur den Speicher mit Eisen aufzufüllen wäre ungefähr so, als würde man der unterernährten Person ein Paket Zucker geben. Wer einen Eisenmangel hat, der hat irgendwo ein Leck, irgendwo wird sehr viel Eisen verbraucht – und vermutlich eben nicht nur Eisen. Oder die Person isst zu wenig eisenhaltige Lebensmittel. Auch die enthalten… richtig, nicht nur Eisen. Sondern noch viel mehr, was wir vielleicht einfach nicht mit bestimmt haben oder auch gar nicht bestimmen können. Denn man kann nur messen, was man kennt.
Somit ist es kurzfristig natürlich sinnvoll der unterernährten Person leicht verfügbare Kalorien zukommen zu lassen genauso wie der Eisnemangelpatient sein Eisen bekommen sollte. Langfristig sollte aber immer die Lebensweise respektive (auch) die Ernährung angepasst werden. Warum nicht nur die Lebensweise anpassen? Weil sich Mängel über lange Zeit einschleichen. Der Körper hat gute Puffersysteme, sonst müssten wir ja jeden Tag genau die richtige Menge von allen bekannten und unbekannten Makro- und Mikronährstoffen zu uns nehmen. Müssen wir aber nicht. Es reicht, wenn wir das langfristig gesehen tun. Einen Mangel über Ernährung zu beseitigen, kann so lange dauern, wie es gedauert hat ihn zu bekommen. Unter Umständen also Jahre. Das kann das Risiko von Spätfolgen bergen.
Nichts desto Trotz: mit dem Auffüttern des spezifischen Mangelnährstoffes ist es eben nicht getan. Denn das, was wir nicht gemessen haben, was wir nicht wissen, wurde nicht mit aufgefüllt. Das braucht also vielleicht auch ein paar Jahre, um wieder aufgefüllt zu werden. Nur bemerken wir es nicht so vordergründig.
Jemand mit der Diagnose Eisenmangel, hat somit also eigentlich keinen Eisenmangel, sonderne einen Mangel an unter anderem eisenreicher Nahrung (oder eben ein Leck, bei dem unter anderem Eisen verloren geht – oder beides).
Oder: Vitamin D
Das ist ja nun endlich mal auf dem Wege anerkannt zu werden, dass in unseren Breiten ein Vitamin-D-Mangel am Ende des Winters fast unvermeidlich ist – wenn man ein „modernes“ Leben führt. Und auf dem Land zu wohnen und es ruhig angehen zu lassen reicht da nicht, um „unmodern genug“ zu sein.
Aber an sich ist auch das kein Vitamin-D-Mangel, sondern ein Mangel an Sonnenlicht, der sich unter anderem in einem zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel äußert.
Es macht also vermutlich Sinn im Winter Vitamin D zu supplementieren, man darf sich damit aber keinen vormachen, dass man damit aus dem Schneider wäre. An sich braucht es nach wie vor die Sonne in den Sommermonaten. Eigene Erfahrung: ich supplementiere Vitamin D und mein Spiegel ist nachgewiesener Maßen gut bis sehr gut. Nichts desto Trotz habe ich mich nach diesem trüben, dunklen Winter, in dem noch nicht mal Schnee für Helligkeit sorgte, geradezu nach Licht und Sonne verzehrt. Da kann mir keiner erzählen, dass das nur Vitamin D ist, was da gebildet wird.

Der Mensch kann mit einer Vielfalt von unterschiedlichen Speiseplänen überleben und sogar gedeihen. Darunter vegane Ernährungsformen, sehr fleischlastige, sehr grüne, sehr fruchtige, mit sehr viel oder sehr wenig Kochkost mit vielen oder wenigen Gewürzen, mit viel aus dem Meer oder fast nichts aus dem Meer, viel fermentiert oder auch nicht, viele Getreide oder gar keine… aber nach allem, was wir heute wissen, gehört die westliche Standarddiät (Standard American Diet – SAD) nicht dazu. Und dass wir hier in Deutschland leben und nicht in den USA ist definitiv kein Freibrief.

In diesem Sinne: Esst mehr Lebensmittel!
Das sind die, die ohne Packung bzw. zumindest ohne Zutatenliste daher kommen.

P.S.: Nach der Lektüre bin ich noch mal zuversichtlicher, dass meine Haare sich noch bessern können. Ich habe keinen nachgewiesenen Mangel mehr. Hatte ich aber mal und zwar recht ausgeprägt. Nach den logischen Schlussfolgerungen oben, liegt die Vermutung nahe, dass ich noch ein paar Monate oder auch Jahre damit zu tun haben werde, alte Löcher von was auch immer zu stopfen.
So, wie es mir geht, so wie ich von Woche zu Woche wieder fitter werde, habe ich den Eindruck, dass mein Weg nicht ganz verkehrt sein kann. 🙂

Wenn euch das Buch interessiert, habe ich hier für euch direkt den Link zu Amazon:

Lebens-Mittel: Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn

Do you remember my review about the Strunz books about vitamins and minerals? I recommanded them both, expecially the one about vitamins.
I still do, BUT!
But I read Michael Pollan`s In Defense Of Food. I simply had to as this book is mentioned as a source in many other books I read.
So what is it all about?About „nutrionism“. That’s the word Pollan uses to describe the modern way of analysing  foods and diets. And he says that this is the wrong way: to look at foods and judge them by their measureable vitamins and minerals. Food X is rich in iron, food Y is rich in zinc. 
He states that we simply have to go back to the very roots: eat whole foods, not too much and basically plants. That’s his first sentence ( I hope I translated it right). And I totally agree, only with a simply add: Eat an abundance of whole foods, not too much and basically plants. If you think of it for a while, I guess you will agree too. Strunz of course is right too, when he says, that we should check our vitamin intake. Especially when it comes to a real deficiancy, then I am totally with Strunz: whole food helps to prevent deficiancies, but if you already got one, you better take some supplements. Nevertheless it is wrong to totally rely on pills. Because Pollan explains, that we can only supplement (or even measure) what we know. And most likely we only know very few. And that’s the point: a person with a deficiancy  – let’s say iron for example as it is that common – has in fact not just an irondeficiancy. He or she has a deficiancy of foods which contain also iron. Most probable the person lacks other food components which can be found in foods rich in iron. But as we don’t know them, we cannot measure them and therefor not supplement them.
Got it? Strunz and Pollan are both right.
So why are we so focussed on nutrients? Because it is somehow human nature to try to explain how things work and we started doing this by chunking things down to smaller parts – and often forget the whole thing. And, as always, there are many people who can earn money with that procedure: scientist, food brands, supplement brands, doctors, nutritionist – and don’t forget the journalists! That’s something that Pollan stresses through the whole book: media, respectively journalists form a huge part of what we consider to ba „fact“. And you can earn much more money with tons of articles about the different macronutrients, micronutrients, the foods which contain them best, foods which inhibt them and so on then with one article telling people… well: eat an abundance of whole foods, not too much and basicsally plants.
As far as we know human beings can live with many, many different sorts of diets: with a lot of animal protein, without any animal protein, with tons of whole grains, without grains at all, basically fruits, basically low-carb and so on. But also as far as we know the western standard diet aka standard American diet is not on that list. Because it is the „whole“ before the foods which makes the difference.
So, go and buy (and eat) whole foods.
Which are…?
Well, those which come without packaging. Or if they have a wrapper, there is no list of ingredients on it, or only a very, very short list. A whole food is the opposite of a processed food.

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3 Kommentare

  1. Huhu,

    jah, der ist spannend, den hab ich im Dezemberurlaub verschlungen, zusammen mit "Industriepampe" von Anja Dostert.
    Klar, der Ansatz ist gut. Essen ist mehr als die Summe seiner Teile.
    Ich habe jetzt sämtliche Theorien durch, vom Stunz, der das NEM-Thema ja sehr befürwortet, bis zu "vom Verzehr wird abgeraten", nach dessen Lektüre ich die NEMs erstmal vor lauter Schreck für 2 Wochen eingemottet hatte.
    Blöde Idee. Denn manchmal geht es leider nicht ohne.
    Aber das wirklich Spannende, wenn auch gelegentlich Frustrierende, ist ja die Ursachensuche und das "was tue ich nun dagegen", wenn man feststellt, dass es eben doch Löcher gibt, die da nicht sein sollten.
    Ich finde, das sollte man einfach dazu sagen; manchmal kann man noch so gut essen, und, zumindest kurzfristig, reicht es nicht. Man macht dann nicht unbedingt was falsch. Manche Mängel sind eben nicht nur ernährungsbedingt, und es dauert eine Weile, sie zu beheben.
    Aber natürlich geht es eindeutig schneller, wenn man auch sonst gescheit isst!
    Und man fühlt sich besser. Was ja nun mal das Wichtigste ist!

    Gruß
    Leia

  2. Mal wieder eine sehr interessante Rezension, die Lust auf mehr Info macht. Ich werde mir das Buch mal auf die Wunschliste speichern 🙂
    Der Ansatz klingt gut und für mich intuitiv richtig. Mutter Natur hat sich bei allem etwas gedacht und perfekt ausgeführt und erschaffen. Das lässt sich nicht einfach nachmachen und ersetzen. Wer das glaubt ist sehr naiv oder macht sich selber etwas vor.
    Sonnensüchtig bin ich trotz Suplimentierung auch. Die warmen Sonnenstrahlen tun einfach zu gut, auch wenn durch Sonnencreme (angeblich?) kein Vitamin D gespeichert/gebildet werden kann. Der Psyche ist das egal und die hungert nach dem Lebensspender.
    Mit NEMs unterstützen in Mängelzeiten oder Ausnahmefällen (Schwangerschaft, Winter,…) finde ich gut, aber das wichtigste ist: dauerhaft und für immer gesünder essen (und Sport zu treiben). Du willst gesund sein und lange gesund leben? Dann LEBE dein Leben gesund.
    Diäten und kurzfristige Hunger-, Entschlackungs- oder Entgiftungskuren sind manchmal ungesund und bringen langfristig nichts. Aber das will nicht jeder hören. 😉
    Immer weiter so Heike, ich bin auch sehr davon überzeugt, dass deine Haare sehr voll und gesund nachwachsen 🙂
    Liebe Grüße!

  3. Stillen ist vom Gefühl her auch was Anderes als Fertigmilch. Kinder, die vor dem ersten Geburtstag abgestillt werden, brauchen ein Übergangsobjekt (z.B. Schnuller, Schnuffeltuch, Kuscheltier), das kennen hier bestimmt viele: Das Lieblingskuscheltier. Wer aber länger stillt – z.B. nach den (auch in Deutschland geltenden Empfehlungen!) der WHO bis zum 2. Geburtstag stillt (natürlich nicht voll) – deren Kind wird kein Lieblingskuscheltier brauchen (in den meisten Fällen). Ich kann vollständig akzeptieren, wenn man sein Kind nicht so lange oder auch gar nicht stillen möchte, aber meiner Meinung nach ist es das Beste fürs Kind (und die Mama 🙂 ). Und ja, auch zum Nuckeln die Brust bitte. Wenn man die Kleinen lässt, stillen sie sich meistens um den dritten Geburtstag ab. Wenn man ihnen die Brust zum Nuckeln verwehrt, passiert das Abstillen jedoch häufig viel früher, also vor dem ersten Geburtstag, und die Babys brauchen dann eine Flasche.
    Stillen ist was ganz Besonderes. Aber: Mich stört die Intoleranz sehr, die es unter Müttern heutzutage gibt. Also: Ich finde, auch die Mütter, die gar nicht stillen wollen und ihrem Kind die Flasche geben machen es gut! Das oben ist ja auch nur meine persönliche Meinung, die für mich gut ist und die ich natürlich versuche allgemein hinzustellen. Mir ist aber bewusst, dass dies nicht möglich ist. Ich weiß ja auch nur einen kleinen Auschnitt einer sehr komplexen Welt.
    Viele Grüße,
    Ayula

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